Editorial zur Covid-19-bedingten Situation älterer Menschen

12.05.2020

von Delphine Roulet Schwab, Präsidentin GERONTOLOGIE CH

Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser

Die Covid-19-bedingte Situation ist für uns alle eine grosse Herausforderung. Wir mussten in den letzten Wochen unsere Art zu arbeiten und Beziehungen zu pflegen – besonders mit älteren Menschen – anpassen. Neben dem Ausmass der Krise und den reellen Gefahren zeigt uns diese Situation nicht nur den Platz, den die älteren Menschen in unserer Gesellschaft einnehmen, sondern auch den Blick, den wir auf diese richten.

Die Eingrenzung der über 65-Jährigen macht die oft ungenügend anerkannten Rollen, Verantwortungen und Funktionen, die ältere Menschen in «normalen» Zeiten wahrnehmen, sichtbar: Die Betreuung der Enkelkinder, die Pflege von Angehörigen, die Freiwilligenarbeit und vieles mehr. Wir sehen und spüren den wesentlichen Beitrag besser, den sie für unsere Gesellschaft leisten. Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen, insbesondere von Jungen, zeigen, dass die älteren Menschen uns wichtig sind und dass wir uns für ihren Schutz verantwortlich fühlen. Sie wärmen wahrhaft unsere Herzen und bestätigen die Werte, die unserem Leben zugrunde liegen.

Allerdings birgt die aktuelle Situation paradoxerweise auch das Risiko, dass sich Stereotype und altersdiskriminierende Einstellungen verstärken und so den Eindruck vermitteln, dass alle ältere Personen gebrechlich, abhängig, untätig sind und für die Gesellschaft eine Belastung darstellen. In diesem Zusammenhang ist es daher wichtig, an einige wichtige Fakten zu erinnern:

  • Das Altern ist ein äusserst heterogener Prozess; das chronologische Alter gibt nur einen schwachen Hinweis, wie die Menschen über 65 Jahre die Realität erleben.
  • Das sogenannte «Alter», also 65 Jahre und älter, umfasst in Wirklichkeit mehrere Generationen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Werten und Erwartungen; es ist nicht dasselbe, 65 oder 95 Jahre alt zu sein.
  • Altern ist nicht nur ein biologischer oder physiologischer Prozess; es hat auch psychologische und soziale Dimensionen. Eine Übermedikalisierung des Alters führt zu einem defizitären Verständnis des Alterns, das ältere Menschen auf ihre körperlichen Beeinträchtigungen reduziert und das Alter zu einer Reihe von Problemen macht, die es zu lösen gilt.
  • Der Wert eines Menschen ist in jedem Alter gleich, unabhängig von seinem Gesundheitszustand und seinen kognitiven Fähigkeiten; das Alter allein sollte niemals ein Kriterium an sich sein, das zur Verweigerung von Pflege führt.
  • Grundrechte haben kein Verfallsdatum; ältere Menschen haben die gleichen Verantwortlichkeiten, Rechte und Pflichten wie jüngere Erwachsene. Die Bundesverfassung (Art. 8.2.) verbietet ausdrücklich die Diskriminierung aufgrund des Alters.

Als Fachleute im Altersbereich stehen wir an vorderster Front, wenn es darum geht, diese Werte zu verteidigen. Trotz des Stresses und des Drucks, dem wir ausgesetzt sind, ist es wichtig, dass wir eine kritische Distanz zu erniedrigenden Äusserungen über ältere Menschen wahren. Die gegenwärtige Situation gibt uns die Gelegenheit, uns wieder auf das zu konzentrieren, was unserer Arbeit Sinn gibt: Die menschliche Dimension!

Passen Sie gut auf sich und Ihre Liebsten auf.

Beste Grüsse

Delphine Roulet Schwab