Gute Betreuung im Alter

14.06.2021

Ein Plädoyer für ganzheitliche Betreuungsarbeit von PD Dr. med. Albert Wettstein, Mitglied Leitung ZfG UZH, alt Stadtarzt Zürich, Vorsitzender Fachkommission ZH UBA, Mitglied der Fachbereichsleitung GERONTOPRAXIS

Nostalgiker*innen schwärmen von der guten alten Zeit, als die Gemeindeschwestern noch ganzheitlich alte Menschen betreuten und ihnen daneben noch pflegerische Handlungen zugutekommen liessen, als Hausärzte noch ihre Patientinnen und Patienten umfassend betreuten und bei ihnen daneben noch die korrekten Diagnosen stellten und die richtigen Medikamente abgaben. Heute hingegen klagen sowohl die Hausärzteschaft als auch die Spitex-Pflegefachpersonen und die Pflegenden in Heimen, dass sie durch die KVG-Regulierungen und deren Tarifsysteme und durch die dadurch bedingte Minutenzuteilung für alle pflegerischen resp. medizinischen Handlungen daran gehindert werden, eine tragende Beziehung aufzubauen und so die Basis für eine umfassende Betreuung zu schaffen. 

Diese Regulierungen wurden geschaffen, um die enorme Mengenausweitung, die mit der zunehmenden Differenzierung von Medizin und Pflege einhergegangen ist, einzudämmen. Als sehr unerwünschte Nebenwirkung hat sich daraus ein massives Betreuungs-Defizit ergeben mit verheerenden Folgen: 

  • Über ein Drittel der ausgebildeten Pflegefachpersonen steigen wenige Jahre nach Abschluss der Berufsausbildung aus dem Pflegeberuf aus, vor allem weil der erlebte Pflegealltag nicht mehr von der erwarteten Beziehungsarbeit, sondern vom Abspulen von funktioneller Pflegeaufgaben geprägt war. 
  • Fehlende ganzheitliche Betreuung führt zu zunehmender Vereinsamung und massiver Verschlechterung der Gesundheit von vielen alten, betreuungsbedürftigen Menschen. Denn diese Regulierungen lassen die in unzähligen Forschungsarbeiten immer wieder bestätigten Erkenntnisse ausser Acht, dass Vereinsamung der mit Abstand wichtigste Risikofaktor für schlechte körperliche, geistige und psychische Gesundheit und somit für zunehmende Pflegebedürftigkeit und steigende Gesundheitskosten ist.
  • In der ärztlichen Betreuung führt der Zeitdruck, der den Aufbau einer ganzheitlichen Beziehung verhindert, wodurch soziale Aspekte nicht bemerkt und angegangen werden können, erst recht zu einer Mengenausweitung der apparativen Diagnostik, zu einer Übermedikation und Kostensteigerung.  

Langsam findet die Erkenntnis immer mehr Anerkennung, dass die ganzheitliche Betreuung wieder in den Alltag der Pflege und Medizin integriert werden muss, und dass die dazu nötige Beziehungsarbeit ebenso wichtig ist wie die funktionellen pflegerischen und ärztlichen Handlungen und deshalb ebenso wie diese von den Sozialversicherungen finanziert werden muss, um eine Zwei-Klassen-Versorgung der Altersbetreuung zu verhindern. Denn eine gute Betreuung können sich heute nur Finanzkräftige leisten, und dies erst noch oft zulasten von prekär entlöhnten ausländischen Pendelmigrantinnen. Deshalb wurde kürzlich eine Motion zur Finanzierung der Betreuungsarbeit den nationalen Räten eingereicht. 

Doch wie müsste eine Finanzierung der Betreuungsarbeit aussehen, um eine weitere massive Kostensteigerung im Gesundheitswesen vermeiden zu können?

  • Es ist sicherzustellen, dass anerkannt wird, dass jede gute pflegerische, medizinische und sogar hauswirtschaftliche Betreuung von beeinträchtigten Menschen nur möglich ist, wenn dabei allen Beteiligten genügend Zeit und Beachtung eingeräumt wird, damit sie die nötige Beziehungsarbeit leisten können.
  • Daraus muss eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten erfolgen, um die erkannten Bedürfnisse in allen Bereichen zu erfüllen, insbesondere auch der sozialen Beziehungen, sozialen Teilhabe und sinngebenden Beschäftigung.
  • Dazu sind neben pflegerischen und medizinischen Fachpersonen auch solche der Sozialpädagogik, Gemeinwesenarbeit, Beschäftigungstherapie und Hauswirtschaft mindestens in der Betreuungsplanung einzubeziehen. 
  • Ein Zentraler Punkt muss dabei der vermehrte Einbezug und das Empowerment von Angehörigen und Freiwilligen sein, seien dies Jugendliche oder Pensionierte, und insbesondere auch geeignete und motivierte Asylsuchende (sobald diese die nötigen sprachlichen Grundkenntnisse beherrschen und auch wenn sie erst vorläufig aufgenommen sind). Dies ist nur möglich, wenn die nötigen personellen Ressourcen zum Motivieren, Einführen und Begleiten der freiwillig Tätigen und insbesondere auch der Angehörigen zur Verfügung gestellt und finanziert werden. Ob diese von einer pflegerischen oder sozialarbeiterischen oder andern Ausbildung her kommen, ist dabei irrelevant.

Es muss anerkannt werden, dass eine solche ganzheitliche Betreuung zwar kostet, aber durch den vermehrten Einbezug und die Anerkennung des hohen Wertes von freiwillig Tätigen, der höheren Berufszufriedenheit der Betreuenden und Pflegenden, der dadurch verbesserten Gesundheit und geringerer Pflegebedürftigkeit wahrscheinlich sogar längerfristig ein vermindertes Kostenwachstum erreichbar ist. Der dafür verantwortliche Mechanismus dazu dürfte die Kompression der Morbidität dank guter Betreuung und weniger Einsamkeit sein. 
 

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