Lebensentwürfe für die Zeit nach 65: Was nehmen sich Menschen für den Übergang in die Pensionierung vor?

23.09.2021

Von Prof. em. Dr. Urs Kalbermatten, Sozialpsychologe und Gerontologe
Dieser Artikel wurde erstmals publiziert in: Leidfaden - Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer, Nr. 1/2021 

Ausgewählte Gedanken zum Alter

Wir stellen ein Zitat von Goethe (1825) an den Anfang, das für unser Thema ein zentrales Bild aufgreift: «Älter werden heißt: selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.» Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Schriftstellern und Wissenschaftlern setzt Goethe nicht das Verharren auf der Vergangenheit, Kontinuität und der Erfahrung im Alter in den Vordergrund, sondern setzt den Aspekt des Neuen als Leitziel des Alters ein. Das Alter erfordert  nach ihm, sich bewusst auf neue Handlungen und Rollen einzulassen, da alles im Wandel ist. Darum haben wir uns in diesem Beitrag unter dem Titel «Lebensentwürfe» bewusst auf die Zukunft und Planung im Alter ausgerichtet. Dabei konzentrieren wir uns auf die Vorstellung von zwei Kategoriensystemen,  die wir in Forschung, Bildung und Beratung verwenden.

Die Lebensphase Alter hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sie Alter hat sich zeitlich sehr ausgedehnt und die älteren Menschen sind heute länger körperlich und geistig fit als früher. Folglich sind auch innovative Altersentwürfe möglich, wie sie den meisten Menschen früher nicht möglich waren. Es bedingt aber ein Umdenken der heutigen älteren Menschen, um sich im Neuland Alter auf wenig erprobten Wegen neu erfinden zu können. Das Alter unterscheidet sich von anderen Lebensphasen durch andere Aufgaben, andere Herausforderungen und andere Bedingungen als die vorangegangenen Lebensphasen. 

Zusätzlich haben sich die gesellschaftlichen, normativen Erwartungen an die älteren Menschen kaum merklich verändert. Von ihm wird nicht erwartet, dass er ins Militär, zur Schule, zur Arbeit oder in eine Lehre muss. Es wird nicht ausgesprochen, wozu die Lebensphase Alter der Gesellschaft und dem Einzelnen dienen könnte. Ihm wird eine Komfortzone des Rückzugs («retirement», «Ruhestand») geboten, die ihn zu nichts verpflichtet und folglich auch keinen hohen Anforderungscharakter aufweist. Diese gesellschaftliche Unterdeterminiertheit des Alters und die individuellen Bedingungen bieten dem älteren Menschen mehr Freiheitsgrade der selbstbestimmten Ausgestaltung des Lebens. Dies wirkt sich aus in einer unterschiedlichen Nutzung der Handlungsspielräume, dem Aufbau sehr verschiedenartiger Interessen und der Wahrnehmung von Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben, dem sozialen Netzwerk, der Gesellschaft und der Umwelt. Der ältere Mensch ist zum Gestalter einer langen, recht anspruchsvollen Lebensphase geworden. 

Diversifizierung der Lebensstile im Alter 

Die Lebensphase Alter eröffnet dem älteren Menschen die Möglichkeit, dass seine Lebensstile vielseitiger  als vor der Pensionierung werden können. Während vor der Pensionierung für die Mehrheit der Menschen an fünf Tagen die Erwerbsarbeit, Schule, Ausbildung oder Kindererziehung den Hauptteil des Tages in Anspruch nahm, erfährt man dank der Pensionierung einen Gewinn an zeitlichen und örtlichen Freiheitsgraden. Zusätzlich entfallen für viele ältere Menschen die Erziehungsaufgaben. Diese Faktoren ermöglichen im Alter eine Erweiterung des Handlungsspielraumes und eine individuelle Kombination von Freizeitaktivitäten, sozialen Beziehungen, freiwilligen Engagements, berufsbezogenen Tätigkeiten, geistigen und körperlichen Aktivitäten. 

Diese Überlegungen möchten wir anhand des Beispiels der Mobilität detaillierter behandeln. Die Mobilität wird im Alter zunächst ausgeweitet. Sie erfährt nach dem Auszug der Kinder und der Pensionierung einen erhöhten Stellenwert. Die Orte der Mobilität und das Handlungsspektrum werden vielseitiger im Vergleich zu jenen in der Arbeitszeit. Auch der Zweck der Mobilität diversifiziert sich. In Perrig-Chiello & Widmer (2008) wurden mobilitätsbezogene Lebensstilmuster (auf der Grundlage von Clusteranalysen) für verschiedene Kohorten ermittelt. Im mittleren Erwachsenenalter fanden sie drei Cluster, für Vorpensionäre fünf Cluster, für die jungen Alten sechs Cluster und im hohen Alter wird der Lebensspielraum eingeschränkt auf zwei Cluster. Diese Daten untermauern die obige Annahme der Diversifizierung der Lebensgestaltung und der Mobilität in den Zeiträumen vor und nach der Pensionierung. 

Die Diversifizierung der Lebensgestaltung stellt wahrscheinlich eines der wesentlichen Merkmale der Lebensphase Alter dar. Auch Teuscher (2003, S. 150) bestätigt unsere Annahmen zur Diversifizierung in ihrer Untersuchung über die Veränderung von Bereichen der Selbstdefinition und der Identität nach der Pensionierung: «In general, the retired persons estimated more domains of self-description as important than did not yet retired persons, which means that the identity diversity was higher for the retired than for the not yet retired persons. In addition, high identity diversity correlated with a high satisfaction across different life domains.»

Konzept des Wandels zur Analyse von Lebensübergängen

Die heutigen Lebensentwürfe für das Alter können 20 bis 30 Jahre betreffen und es tritt für die älteren Menschen eine zukunftsgerichtete Identitätsfrage in den Vordergrund: Wer will ich im Alter werden? Man kann sich für eine solche lange Lebensphase nicht mehr allein über die Vergangenheit und den früheren Beruf identifizieren. Vielen neue Tätigkeiten und Rollen sind möglich. 

Der Lebenszeitraum Alter ist charakterisiert durch verschiedene Lebensübergänge wie Pensionierung, Grosselternschaft, Verwitwung, Abgabe des Führerscheins, chronische Krankheit, Abbauprozesse (z.B. Geh-, Sehbehinderung), Heimeintritt, Sterbephase u.a. Diese treten bei einem Grossteil der älteren Menschen auf, sind also altersnormiert, vorhersehbar und folglich kann man sich darauf vorberieten. Lebensübergänge können Chancen bieten oder zu kritischen Lebensereignissen (Filipps & Aymanns, 2010) führen. Es gibt interindividuell grosse Unterschiede, wie Transitionen das Leben verändern, eine Reorganisation des Lebens erfordern oder wie mit diesen Herausforderungen umgegangen wird. 

Für die bewusste Auseinandersetzung mit Lebensübergängen stellen wir das Konzept des Wandels vor. Während des gesamten Lebenslaufes verändern sich Identität, Rollen und Aufgaben eines Menschen. Alles im Leben ist ein Prozess. Bereits der Grieche Heraklit von Ephesus (550-480 v. Chr.) hat erkannt, dass alles Seiende im Wandel (panta rei, alles fließt) ist.  Altbekannt ist die Aussage, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss springen kann. Kontinuität im strengen Sinne gibt es nicht, da sich sowohl Person und Umwelt in stetem Wandel befinden. Folglich stellt Kontinuität der Versuch dar, die Wiederholung einer Handlung als die gleiche Handlung zu erleben. Der üblichen Dichotomie von Kontinuität versus Veränderung stellen wir ein eigenes, spezielles Konzept des Wandels gegenüber. Dieses enthält vier Aspekte des Wandels:

  • Kontinuität. Menschen beschreiben oder erleben, dass sie zu verschiedenen Zeitpunkten eine gleiche Handlung ausführen. 
  • Veränderung. Man vollzieht eine gleiche Handlung wie früher, aber man hat sie in einem oder mehreren Punkten angepasst, kompensiert oder verbessert. 
  • Weglassen. Wandel kann auch heißen, eine bisherige Tätigkeit aufzugeben. Zur Lebenskunst des Alters gehört die Einsicht, nicht immer das Bisherige tun zu müssen bzw. auch seine Grenzen zu erkennen. 
  • Neues tun. Eine neue Handlung, die man bisher nicht gemacht hat, in seine Lebensgestaltung aufzunehmen, stellt eine weitere Form des Wandels dar. Eine neue, bisher noch nie ausgeführte Handlung auszuprobieren beinhaltet eine andere Qualität von Tätigkeit als eine Veränderung einer Handlung.

In einer Befragung von 280 Personen zum Übergang in die Pensionierung liessen sich in einer Clusteranalyse folgende drei Typen des Wandels unterscheiden: Innovatoren, Konvertierer, Kontinuierer. Der erste Typus berichtet von vergleichsweise vielen neuen Aktivitäten, welche er nach der Pensionierung aufnehmen möchte. Gleichzeitig bedeutet dies, dass bisherige Beschäftigungen und altbewährte Routinen dem Neuen weichen sollen. Die Pensionierung leitet einen neuen Lebensabschnitt ein. Die Zäsur zwischen vorheriger und zukünftiger Lebensgestaltung tritt klar zu Tage. Als Gegenpol zu diesem Typus soll für den Typus Kontinuierer die Pensionierung keine Zäsur darstellen, das Leben soll auch in Zukunft seine gewohnten Bahnen gehen. Veränderungen gegenüber sind diese Personen eher skeptisch. Die planerische Auseinandersetzung mit der Pensionierung bleibt daher auch vage und von untergeordneter Bedeutung. Der dritte Typus kennzeichnet sich dadurch, dass die Pensionierung zwar als Zäsur wahrgenommen wird, geplante Beschäftigung jedoch an Aktivitäten und Kompetenzen anknüpfen, die bereits vorhanden sind. Bestehende Hobbies, Engagements und soziale Beziehungen werden also zeitlich ausgebaut und Brachliegendes wieder aktiviert. Die Verteilung der drei Wandel-Typen unter den untersuchten Personen ist ausgeglichen (Innovator: 37%, Kontinuierer: 30%, Konvertierer: 33%). Weglassen kam explizit zu wenig vor, dass sich daraus ein Typ bilden liess. 

Handlungsplanung an Lebensübergängen

Zur Analyse der Vorbereitung von Lebensübergängen können verschiedene handlungstheoretische Planungsaspekte herangezogen werden (s. Kalbermatten & Valach, 2020): 

  • Welcher Handlungsbedarf für den Lebensübergang wird vorhergesehen (Antizipation)?
  • Wie verläuft die Auseinandersetzung damit?
  • Welche Handlungsziele werden ins Auge gefasst?
  • Was wird geplant und welche Strategien entwickelt?
  • Wird soziale Unterstützung abgeklärt?
  • Welche Handlungen wie Bildung und Informationsbeschaffung geschehen als Vorbereitung?
  • Werden neue Handlungen bereits vorher ausprobiert und eingeleitet?

In einem Forschungsprojekt konnten wir in einer Clusteranalyse zwischen drei Planungstypen der Pensionierung unterschieden: Zielsetzende (39% der Studienteilnehmenden), Einleitende (21%), und Antizipierende (40%). Der erste Typ setzt sich zielgerichtet mit der Zeit nach der Pensionierung auseinander, indem bereits Informationen zu neuen Beschäftigungsformen eingeholt werden, Reiseziele gefasst werden und wichtige Elemente der zukünftigen Wochengestaltung bereits im Vorfeld der Pensionierung festgelegt werden. Pläne werden konkret formuliert, deren Durchführung zielgerichtet angedacht wird. Einen Schritt weiter in der Planung gehen die Einleiter. Pläne werden nicht nur festgelegt, sondern bereits erste Schritte zu deren Umsetzung vor der Pensionierung vorgenommen, damit ein Repertoire an neuen Aktivitäten unmittelbar nach dem Übergang bereits zur Verfügung steht. 

Schlussgedanken

Die Verbindung der beiden Analysedimensionen von Wandel und Handlungsplanung ergeben einen tieferes Verständnis von Lebensentwürfen im Alter (s. Métrailler, 2018). Dazu benötigt der ältere Mensch die Bereitschaft, sein Alter oder eine gewisse Lebenslage zu bejahen und sein eigenes Leben zu einem Bildungsgegenstand zu machen, um kreativ und auch sinnorientiert seine Potenziale zu entfalten.

Literatur

Filipp, S.-H., & Aymanns, P. (2010). Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Stuttgart: Kohlhammer.

Kalbermattem, U. & Valach, L. (2020). Psychologische Handlungspsychologie in angewandter Forschung und Praxis. Wiesbaden: Springer.

Métrailler, M. (2018). Paarbeziehungen bei der Pensionierung. Partnerschaftliche Aushandlungsprozesse der nachberuflichen Lebensphase. Wiesbaden: Springer.

Perrig-Chiello, P., & Widmer, P. (2008). Mobilitätsmuster zukünftiger Rentnerinnen und Rentner: eine Herausforderung für das Verkehrssystem 2030? Bern: Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

Teuscher, U. (2003). Transition to retirement and aging. Change and persistence of personal identities (Unpublizierte Doktorarbeit). Psychologisches Institut. der Universität Freiburg, Freiburg.